Prä-Cyberspace-Science-Fiction: „Welt am Draht“

14. Februar 2010 § Ein Kommentar

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Bild via heise.de

Mein Freund Gordon hatte in den frühen 80ern sein Übersetzungs-Büro direkt über der damals größten Disco der Stadt, dem Zauberberg. Bevor er abends nach Hause ging, schaute er gerne mal am Tresen vorbei, woraus sich – vorausgesetzt er traf dabei nette Leute – die ein und andere After-Work-Party ergab. Zufällig wohnte er auch gleich ein paar hundert Meter weiter in einem geräumigen Bungalow – alles in allem also paradiesische Voraussetzungen in einer Zeit, die die damals jungen Götter in ihrer Selbsterfindung besonders begünstigte.

Der angesagte Treffpunkt bot mit seinen Besuchern natürlich viel Gesprächsstoff und gab Anlass zu mancher Flachserei. Ein Gedankenexperiment beschäftigte sich mit der Vorstellung, dass es doch interessant wäre, mit Hilfe von Kameras die Bilder der Disco unter unseren Füßen direkt ins Büro übertragen zu lassen. So könnte man sehen, ob es sich denn lohne hier den Feierabend einzuleiten oder das Abendprogramm gleich zuhause zu starten. Daraus folgend ergab sich die Idee, zuhause auch einen Monitor zu installieren um mit diesem den „qualitativen Füllpegel“ abzuschätzen und diesen als Vademecum für einen angedachten Besuch im Zauberberg zu gebrauchen. Dem manchmal zähen Aufraffen zum „Zug durch die Gemeinde“ konnten so zusätzliche Energien libidinöser Art zugeführt werden, die schon seit Jahrhunderten die Triebfeder für technische Entwicklungen war.
Weiteres Derivat unserer luxuriös blühenden Gedankenwelt war natürlich die Interaktion mit anderen potentiellen Gästen, die – massenhafte Verbreitung solcher Systeme vorausgesetzt – ihr Besuchsverhalten selbstverständlich ebenso von der „Anwesenheit anderer Anwesender“ abhängig machten. Zunächst bedeutete das, dass jeder Betrachter die leere Disco beobachtete und damit erstmal keinen Grund für ein eigenes Erscheinen sah, es daher eher vorzog, den Abend in privatgewohnter Warteposition zu gestalten. Also müsste man zunächst einen Avatar als Lockvogel losschicken der sich den Kameras der anderen Interessierten zeigte, um diese zum Besuch zu animieren. Da diese aber genauso ihre Avatare „erstmal die Lage abchecken“ ließen, war der Laden für die Betrachter paradoxerweise schon mit Avataren gefüllt, während der Wirt noch keinen Cent verdient hatte und die Besitzer der Avatare vom Sofa aus vermutlich das lurking selbst zunehmend als neue Freizeitbeschäftigung entdeckten. Das war aus User-Sicht zwar bequemer und billiger, da wir aber mit den Chefs des Zauberbergs eng befreundet waren und ihnen unsere innovative Geschäftsidee auch unbedingt verkaufen wollten, hakte diese an ökonomisch entscheidender Stelle. Uns allerdings versprach die gedanklich schon projektierte virtuelle Zubehörindustrie merkantile Erfolge, da die Avatare auch entsprechend eingekleidet werden mussten. Philip K. Dick’s „Can-D“ ließ grüßen … ein Teufelskreis mit einer uns damals spaßige Schauer über den Rücken jagenden Logik. Kaufhäuser, Kneipen, Bahnhöfe, öffentliche Einrichtungen … alles konnte so vernetzt und unserer Prosperität angedient werden. Den Datenschutz hätten wir später auch noch erfunden.
Eines erkannten wir bei unseren Gedankenspielen aber schnell: Dieses System, für das schon damals die technischen Voraussetzungen bestanden, würde ziemlich zügig den Fokus von der anvisierten realen Kommunikation in die Virtuelle umbiegen. 
Und gewissermaßen kam ja letztendlich alles so: Der PC, die Sims, Second Life, das iPhone, Facebook und die Datenschutzbehörde Google … andere waren halt schneller und dazu besser entsprechend kapital vernetzt.

Eine weitere Idee aus diesem Dunstkreis ist meines Wissens aber noch nicht verwirklicht worden: Tanzflächen und Wände aus Bildschirmen zu gestalten, die zur Musik passende Filme zeigen. Wir dachten damals an Vortex-Lightshows oder andere Visuals wie man sie von psychedelischen Konzerten aus den 60ern und 70ern kannte. Oder auch ein auf dem Meer gefilmter Orkan – MTV und visuelle Effekte à la iTunes gab’s ja damals noch nicht.

Falls aber jemand ein Beispiel kennt oder sogar schon im Partykeller installiert hat, kann er es mich gerne wissen lassen.

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