Max Goldt beobachtet die Medien (Zwei Ausschnitte aus „Ein Buch namens Zimbo“)

3. April 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Warum wird die junge Frau geschont?  
von Max Goldt  
 

Der Schriftsteller Max Goldt sieht sich bei youtube peinliche Talkshowauftritte an und fragt sich im Auszug aus seinem neuen „Buch namens Zimbo“, wieso eigentlich junge Frauen bei solchen Anlässen so vieles nachgesehen wird.

Früher, präziser gesagt vor der Einführung der VHS-Kassette, waren Fernsehsendungen vergänglich wie Beerenobst. Die BBC zum Beispiel hat in den sechziger Jahren eine mehrteilige Verfilmung der «Buddenbrooks» produziert und ausgestrahlt. Thomas Mann mit britischen Schauspielern, manch einer würde sich das heute gern auf DVD anschauen, doch die Serie ist «verschollen», futsch, perdu, unavailable for good and all. Archivierungsspezialisten für TV-Erzeugnisse gab es damals offenbar noch nicht. Heute dagegen verschwindet auch das Nichtigste nicht mehr. Zu den zahlreichen neuen Hobbys, die sich Menschen im Verlauf der Digitalisierung unserer Welt angeeignet haben, gehört es, Talkshows aufzuzeichnen oder auch private Aufzeichnungen alter Talkshows irgendwo zu ergattern, um Passagen daraus ins Internet zu stellen. Warum Menschen das tun, weiß niemand. Kann man dadurch berühmt werden? Ist auch Bildschirmabfilmer inzwischen schon eine Celebrity-Kategorie? Eine eigene Kategorie in den Videoportalen jedenfalls sind mittlerweile die sogenannten «Ausraster», also Szenen mit betrunkenen, überreizten, rücksichtslos geschwätzigen oder sonstwie übel extrovertierten Gesprächsgästen. Als die Schriftstellerin Karin Struck 1992 in einem ungesunden Gemütszustand der damaligen Ministerin Angela Merkel durch Hochziehen ihres Kleides den Unterleib präsentierte und anschließend, mit Gläsern um sich werfend, aus der Runde rauschte, wird sie nicht geahnt haben, daß sich mehr als fünfzehn Jahre später nach Gift und Galle gierende Menschen die kranke Szene bei YouTube als Kultquatsch anschauen und mit hingerotzten gehässigen Kommentaren versehen würden. Die Kinder der mittlerweile verstorbenen Autorin, die vermutlich auch schönere Erinnerungen an ihre Mutter haben, kann die Vorstellung kaum freuen, daß es allein dieser ihre Karriere beendende Auftritt sein wird, der «auf immer und ewig» bleibt. Andere Künstler sind nicht konsequent genug, solche Eklats zu einem Rückzug aus der Öffentlichkeit zu nutzen. Als Nina Hagen sich im Herbst 2007 in der Sendung «Maischberger» lange, allzu lange Minuten auf eine Weise inszenierte, die vermutlich selbst ihre Bewunderer nicht mehr als «niedlich verrückt» durchgehen lassen konnten, nämlich als ein egomanisches Wrack, als eine auf sämtlichen Bedeutungsebenen grundhäßliche Querulantin, hatte ich die freilich vergebliche Hoffnung, daß sie vielleicht, strengstens beraten von Mutter und Tochter, dazu überredet werden könnte, den Rest ihrer Tage in Abgeschiedenheit zu verbringen. Man ist geneigt, solche Sendungen als leicht verderbliches Larifari abzutun, muß jedoch feststellen, daß einzelne von ihnen es zu einem erstaunlich hartnäckigen Aufenthalt im Gedächtnis bringen. Noch heute empfinde ich, wenn ich Richard von Weizsäcker sehe, retrospektives Mitleid, weil ich mich noch genau daran erinnere, wie er zu Beginn der achtziger Jahre in einer Berliner Talkshow von dem durch langjährigen Cannabis-Gebrauch ausgezehrten Kabarettisten Wolfgang Neuss zuschwadroniert und beharrlich mit «Ritchie» angeredet wurde. Er vermochte sich gegen das überdreht auf ihn einteufelnde Drogenopfer überhaupt nicht zu wehren und war einfach nur schrecklich überfordert, baff und verlegen. Selbst wer in Serie präsentierten Videoschnipseln mit entgleisenden Quälgeistern längst keinen Reiz mehr abtrotzen kann, ist mitunter dankbar für die Möglichkeit, im Fernsehen Gesehenes späterhin im Internet zu repetieren oder aber Nichtgesehenes, das heiß diskutiert wird, nachzuholen. Vor einiger Zeit sprach plötzlich alle Welt über die Nachrichtensprecherin Eva Herman, die derartig empörende sozialpolitische Thesen aufgestellt habe, daß sie deswegen sogar aus einer Talkshow geworfen worden sei. Ich hatte die Sendung verpaßt und freute mich daher an der Existenz von You Tube. Was ich dort sah, war eine Frau, die auf besonnene Weise reichlich unfrische, aber demokratisch zulässige Auffassungen über die gesellschaftliche Stellung von Müttern äußerte. Für mich hatte das keinerlei Wallungswert. Erstaunlich fand ich allenfalls die neben ihr sitzende Senta Berger, die eine sehr schlechte Rolle spielte, nämlich sich selbst als echauffiert schnaubende Hüterin des rhetorischen Anstands. Wirklich bedenklich schien mir lediglich der Katzentischgast. So möchte ich jene Talkshowteilnehmer nennen, die als sogenannte Betroffene oder Experten abseits der eigentlichen Runde in einer separaten Sitzgruppe oder in der ersten Publikumsreihe sitzen, um vorher vereinbarte Sätze aufzusagen. Sie sind oft sehr nervös und machen nicht immer den Eindruck selbstbestimmter Existenz. Für die Sendung mit Eva Herman hatte man sich einen Historiker bestellt, der sagen sollte, daß die plötzlich umstrittene Dame das von ihr in bezug auf die Medien verwendete Wort «Gleichschaltung» nicht hätte verwenden dürfen, weil es historisch belastet sei. Und was tat der Historiker, als man ihm das Mikro an die Lippen hielt? Er sagte, daß man das Wort «Gleichschaltung» nicht sagen dürfe, weil es historisch belastet sei, und schon war das Mikrophon wieder weg. Der Mann war in mittlerem Alter, und so ist zu hoffen, daß er noch einige Jahrzehnte Zeit hat, sich schamvoll daran zu erinnern, wie er sich als sätzchenaufsagender Baustein in einem läppischen TV-Skandal mißbrauchen ließ. Es ist schön, daß man sich solche Szenen im Internet ganz genau und notfalls mehrfach ansehen kann. Man kann bei Bedarf sogar mitschreiben. Neulich sah ich eine Folge der Diskussionssendung mit dem pathetischen Titel «Hart, aber fair». Thema: «Die Top-Model-Gesellschaft». These: «Formate» wie «Germany’s next top model» würden eine ganze Generation junger Frauen in Fremdbestimmung und Magersucht treiben. Typischer Fernsehunfug also. Fernsehmenschen, sofern sie nicht gerade andere «Formate» gucken, verbringen vermutlich den größten Teil ihrer Zeit im Auto und bekommen nicht viel mit von des Lebens blanken Tatsachen. Man sollte zwei von ihnen – vorausgesetzt, daß ihre Autos mal kaputt sind – für zwei Stunden mit Zählgeräten in eine gutgefüllte Fußgängerzone schicken. Einer zählt die anorektischen jungen Frauen, der andere die adipösen. Spätestens nach einer Viertelstunde wird der Adipösenzähler zum anderen sagen: «Du, mein Daumen ist wund, können wir vielleicht mal tauschen?» «Aber gern», wird die Antwort lauten, «mein Daumen ist nämlich vor lauter Untätigkeit schon von Muskelschwund bedroht.» Ja doch, hin und wieder einmal, alle paar Wochen erschrickt man auf der Straße angesichts eines Mementomori-Mädchens und fragt sich: «Die Arme sieht ja aus wie der Tod von Basel! Was hat die Fehlgeleitete und Spiegelblinde hier auf der Straße herumzustorchen? Warum ist da keine Klinik, die sie aufpäppelt?» Nur hat man solcherlei Augenschein so selten, daß man noch vorm Einschlafen, den Tag rekapitulierend, daran zurückdenkt. An die vielen korpulenten Menschen, die man im Laufe desselben Tages gesehen hat, denkt beim Zubettgehen niemand mehr. Die Talkrunde bestand aus zwei Herren, die beruflich damit befaßt sind, die Schönheit von Frauen zu beurteilen bzw. chirurgisch zu normieren, darüber hinaus aus einer Teilnehmerin von «GNTM» sowie der sehr netten Schauspielerin Michaela May und der neuerdings wieder recht präsenten Ex-Grünen Jutta Ditfurth, die hier anscheinend als Anklägerin zum Einsatz kam, weil Alice Schwarzer, die normalerweise dazu ausersehen ist, solche Themen mit ihren starren, wie Gesetzestext klingenden Privatmeinungen einzuzementieren, ausnahmsweise nicht konnte. Und da Frau Ditfurth nicht ganz so brutal desinteressiert an der Komplexität des Lebens zu sein scheint, wie es Frau Schwarzer ist, machte sie ihre Sache nicht schlecht und hinterließ den Eindruck einer abgeklärten, gleichwohl noch sinnesfrohen linken Kneipenwirtin, die ihren Stammgästen am Tresen mit Verve und Sarkasmus erzählt, was sie neulich wieder einmal für einen «unfaßbaren Mist» im TV gesehen hat. «Expertin» wurde allerdings nicht eingeblendet, während sie sprach, denn das wäre wirklich nicht richtig gewesen. Für was hätte man in dieser Sendung auch Experte sein sollen, Experte für läppische Unterhaltungssendungen etwa? Die kommentierenswerteste Teilnehmerin der Sendung war die ehemalige Heidi-Klum-Elevin. Weil ihr offenbar gesagt worden war, daß man in einer Gesprächssendung seriös gewandet zu erscheinen habe, hatte sie sich in einen sonderbaren Matronen-Look geworfen und sah aus, als sei eine blutjunge Variante unserer düsteren alten Sarah Wagenknecht aus ihrer Schwefelgruft geklettert gekommen. Vielleicht trug sie seit Jahren das erste Mal etwas, das nicht «sexy» war, was sie jedoch augenscheinlich wieder vergessen hatte, denn sie saß hinter ihrem Tisch genauso verkrampft und verdreht, wie es Frauen in zu kurzen Röcken zu tun pflegen, die darauf achtgeben müssen, daß nichts noch höher rutscht. Ihr zuzuhören war anstrengend und geeignet, Kulturpessimismus zu säen, da sie zum einen mit einer dermaßen grellen Stimme sprach, daß der an sich korrekte Einwurf Frau Ditfurths, man solle die Models nicht immer Mädchen, sondern Frauen nennen, sofort ad absurdum geführt wurde: Eine Frauenstimme war das nicht, was da an rausgepreßtem Quäken zu vernehmen war. Zum anderen war zu beanstanden, was sie sagte. Einen für ihre Ausdrucksweise exemplarischen Redebeitrag habe ich wortwörtlich aus dem ARD-Video-Stream transkribiert. Nur «Ähs» und ähnliches habe ich beim Transkribieren weggelassen, denn «Äh» sagt ja jeder. Also: «… Ich bin ein denkender Mensch, und ein denkender Mensch ändert seine Meinung, aber ich glaube, ich bin so ’n Mensch, ich glaub, ich würde das, so viele Leute haben mich mal gefragt, also was würdest du machen, wenn ja, so, und ich habe schon immer etwas weniger Brust gehabt, hab aber da einfach tierisch wahnsinnig doll Angst, daß, wenn ich da was machen würde, daß ich Angst hätte, daß ich das spüren könnte …» In dieser Rede offenbarte sich, daß es hierzulande ein immens viel wichtigeres Problem gibt als den «Schönheitswahn», nämlich das Zugrundegehen der letzten Reste von Satzbau und Sprachlogik in der mündlichen Umgangssprache. Die beiden reifen Damen neben der konfus Plappernden schauten zwar betreten und mitleidig, aber dabei blieb es. Wenigstens die mütterliche Frau May hätte doch sagen können: «Liebes Kind, was Sie brauchen, ist sowieso keine Brustoperation, sondern zunächst einmal Sprach- und Sprecherziehung!» Das allgemeine Einwenden kann ich mir vorstellen: «Eine Neunzehnjährige kann man unmöglich vor aller Welt so hart kritisieren!» Da wäre zu erwidern: Kann man doch, sollte man sogar, zumindest in einer Sendung, deren Titel vorgibt, daß es «hart» zugehen soll. Und ein Hinweis darauf, daß eine gute Logopädin aus einer unerträglichen Stimme eine zumindest brauchbare machen kann, wäre zudem durchaus «fair». Außerdem: Wenn neunzehnjährige Fußballspieler so sprächen – so kraß tun sie’s allerdings selten –, würde man sie durchaus milde bespötteln. Zuletzt: Die Sorte von Frauen, die sich bei «GNTM» bewerben, ist daran gewöhnt, sich die herbesten Äußerungen über Busen, Bauch und ihre sogenannte «Ausstrahlung» anzuhören. Sie würden auch Kritik an ihrer Sprache überstehen. Sie wollen doch, sagen sie zumindest alle naslang, «unheimlich viel lernen»! Warum schont man sie? Bestehen diese Frauen nur aus Körpern? Meint man, Sprache und Stimme seien bei ihren Berufsperspektiven sowieso unwichtig? Das wäre nun wirklich mal frauenfeindlich. Von Heidi Klum werden sie darüber natürlich nichts hören, denn dieser eisige Beauty-Apparatschik spricht selbst wie eine Säge. Doch nicht jede kalte Säge schafft es nach New York! Die SPD hat sich vor einiger Zeit ein ähnliches Problem angelacht, und zwar in Form der Juso-Vorsitzenden Franziska Drohsel. Sie spricht nicht über ihre Brust, dafür aber ähnlich gehaltvoll über Sozialpolitik: «Ich finde einfach, man muß sich überlegen, wie man eben damit umgeht, daß Leute unterschiedlich viel verdienen, und was man dann eben sagt.» Stimme ähnlich wie bei der Modelkandidatin, die Redeweise aber noch sprudelnder und die Beiträge länger, somit auch quälender. Einmal war zu sehen, wie Hans-Jochen Vogel, ein klar denkender Mann, Franziska Drohsel zuhören mußte und dabei den Eindruck zu erwecken begann, er mache sich berechtigte Sorgen über die Zukunft seiner Partei. Doch er schonte die Frau, ebenso wie sie in anderen Videoschnipseln, die man im Internet finden kann, geschont wird. Alle scheinen zu meinen: «Ach, die niedliche junge Frau, die ist halt noch ein bißchen aufgeregt und unbeholfen! Und unsere beschränkten Jungwähler finden das Geplapper vielleicht auch unverbogen und authentisch.» Wenn aber die Niedlichkeit in einigen Jahren aus ihrem Gesicht entwichen ist, wird es auch mit der Schonung vorbei sein, und die Kabarettisten werden über die Frau herfallen wie einst über Edmund Stoiber. Mit Sprech- und Sprachunterricht könnte sie dem vorbeugen. Und: Man würde vielleicht verstehen, was sie meint. Überdies könnte man erfahren, ob sie überhaupt etwas zu meinen in ihrer bislang sehr simpel erscheinenden Lage ist.

 

Im Visier von Pakistan und Texas
von Max Goldt
  

Der Schriftsteller Max Goldt liest am liebsten Blogs, die eine Außensicht auf Deutschland zeigen. Im Auszug aus seinem neuen „Ein Buch namens Zimbo“ stellt er exklusiv zwei davon vor und kontempliert über die typisch deutschen Politdebatten.

Die zur Zeit dominierende veröffentlichte Meinung lautet, das mit dem Bloggen sei «so ’n bißchen vorbei», die Blog-Blase sei zwar noch nicht ganz geplatzt, aber schon so gut wie, was ich nicht glaube. Immerhin muß man jetzt nicht mehr so viele Zeitungsartikel über das Bloggen lesen wie noch vor ein, zwei Jahren und wird mit affigen Ausdrücken wie «Blogosphäre» verschont. Im Gegensatz zu journalistischen Texten über das Bloggen habe ich den einen oder anderen Blog immer recht gern gelesen. Ich möchte mir erlauben, im Verlauf der folgenden Zeilen auf mein liebstes Netztagebuch hinzuweisen; es heißt «German Joys» und wird von einem Ausländer verfaßt, den es beruflich nach Düsseldorf verschlagen hat. Um was für eine Art von Ausländer es sich genau handelt, dazu später. Was Expatriats über Deutsches zu sagen haben, ist im Prinzip immer interessant. Zwar lügen sie meist, aus Höflichkeit, und bisweilen sind sie auch dumm und kriegen nicht viel mit, aber einige sind klug und bemerken die richtigen Dinge. Vor kurzem war von einem pakistanischen Ethnologen zu lesen, der Deutschland zum Gegenstand seiner Forschung erkoren hat. Ihm ist z. B. aufgefallen, daß Deutsche einander oft knapp und wenig herzlich begrüßen, für die Verabschiedung dafür um so länger benötigen. Vom knappen Begrüßen ausgenommen seien lediglich Hunde. Er berichtet von Hausbesuchen, in denen Frauen sich auf den Teppich knieten, um den Hund des Gastgebers zu umarmen und ausgiebig zu massieren. Hin und wieder würden diese Hundebegrüßungen in minutenlange Balgereien ausarten. Man kann nun nicht sagen, daß der Ethnologe lediglich einen kuriosen Einzelfall beschrieben hat. Jeder, der einigermaßen umfängliche soziale Kontakte pflegt, wird ähnlichen häuslichen Szenen schon beigewohnt haben. Trotzdem ist es eine unbehagliche Vorstellung, daß der Wissenschaftler jetzt evtl. in pakistanischen Talkshows sitzt und verlauten läßt, Deutsche würden sich dadurch auszeichnen, daß sie sich mit Hunden auf der Auslegeware wälzten. Schließlich gibt es nur in elf Prozent der hiesigen Haushalte einen Hund. Die Bewohner der übrigen 89 Prozent haben sich allerdings fast ausnahmslos Duldsamkeit gegenüber den Hundehaltern auferlegt, und selbst diejenigen, die ausschweifende Hundebegrüßungen für befremdlich halten, üben, vermutlich aus Angst, angeschrien zu werden, niemals Kritik, sondern pflegen solche Vorkommnisse mit angestrengter Gnädigkeit zu belächeln. Das Gewälze mit Hunden, mehr von Frauen als von Männern ausgeübt, erklärt sich zum Teil aus unseren «praktischen» Bekleidungsbräuchen: Deutsche Frauen tragen zumeist amerikanische Arbeiterhosen (Jeans) und modifizierte Männerunterhemden (T-Shirts), die zum handfesten Begrüßen von fettigen Tieren mehr einladen als zum Beispiel ein Dior-Kostüm. Daß sich gar eine Pakistanerin in einem kunstvoll gewickelten Sari auf dem Fußboden körperlichen Spielen mit einem Hund hingibt, ist völlig unvorstellbar. Wenn man es sich trotzdem vorstellt, sieht man nämlich eine ausgewickelte Dame, und es entspricht zwar europäischen Gepflogenheiten, sich ausgewickelte Damen vorzustellen, aber wahrscheinlich nicht traditionell pakistanischen. Ziemlich schockiert war der Ethnologe übrigens über eine deutsche Bekannte, die er zum Abendessen in seine Wohnung einbestellt hatte – ob als Forschungsobjekt oder um sie auszuwickeln, ist diskreterweise nicht überliefert; man kann vermuten, daß sich bei einem Völkerforscher wissenschaftliche und private Interessen mitunter vermengen. Schockiert war er zunächst, weil die Dame ihren Hund zum Dinner mitbrachte, schließlich noch mehr, weil sie einen Topf mit Speiseresten unter den Tisch stellte, wo sich ihr haariger Begleiter geräuschvoll des Inhalts bemächtigte. Nachdem die Dame sich verabschiedet hatte, warf der Ethnologe den Topf in den Müll. Wir Deutschen sollten so freundlich sein zu hoffen, daß es kein allzu teurer Topf war. Über die in der Tat bemerkenswerte Bereitschaft, Hunden einen Status als nicht nur ebenbürtigen, sondern privilegierten Familienmitgliedern zu gewähren, schreibt Andrew Hammel allerdings nichts, vielleicht weil es in seinem Heimatland USA nicht viel anders ist. Andrew Hammel also ist der Name des Betreibers meines Lieblingsblogs, der, wie gesagt, «German Joys» heißt und herrliches Lehrmaterial bietet für des Englischen kundige Deutsche, die ihre Heimat zur Abwechslung gern mit den Augen eines intelligenten Außenstehenden mit beeindruckend breit gefächertem Interesse betrachten wollen. Hammel ist Texaner und, soweit ich es verstanden habe, seit einigen Jahren als Jurist an der Universität Düsseldorf tätig, Interessenschwerpunkt: Todesstrafe. Damit hier nichts mißverstanden wird: Er setzt sich gegen die Todesstrafe ein. Verblüffend ist es, daß er trotz Berufstätigkeit und eines regen Reiselebens Muße findet, ein so regelmäßiges und ausführliches öffentliches Diarium zu schreiben, und das auch noch in bestens gebauten Sätzen ohne modische Sprachsalopperien und sogar fast ohne Tippfehler. Offenbar gehört er zu den beneidenswerten Autoren, die druckreif denken können und nicht nach jedem Satz erst einmal zehn Minuten rauchend und zweifelnd in der Wohnung auf ab und ab gehen müssen. Auf Privates und redundanten Meinungsausfluß über Sport ist er liebenswürdig genug, ganz zu verzichten, statt dessen gibt es allerlei Gewitztes über Politik, Kultur, Wissenschaft und das, was man in der inzwischen stark abgenutzten Kategorie «Alltag» zusammenfaßt, sowie dienliche Rubriken wie «German word of the month». Eines lautete «Sargzwang». Davon hatte ich noch nie gehört, doch als Hammel-Leser erfuhr ich, daß er in einigen Bundesländern kürzlich aufgehoben worden sei, der Sargzwang, was vor allem für Muslime von Belang ist, die ihre Verblichenen lieber in Tücher wickeln, als sie in Holzkisten zu legen. Ich bin übrigens ein stiller Förderer unseres deutschen Sargzwanges, und ich bitte alle Menschen in Bayern, wo die gemütliche Bestimmung noch in Kraft ist, Hand in Hand mit den Sargtischlern, die doch auch weiterhin ihrem soliden und ehrbaren Handwerk nachgehen dürfen sollten, für die Beibehaltung des bayrischen Sargzwanges zu demonstrieren. Dank gebührt Hammel auch für die Bewertung eines allgemein geläufigen, extrem ermüdenden Rituals, das ich aber nie als für Deutschland charakteristisch empfunden habe. Nach Ansicht von Hammel ist es aber typisch deutsch. Es geht um das, was man «öffentliche Debatte» nennt. Eine Person des öffentlichen Lebens, meist ein Politiker, nennen wir ihn Politiker A, sagt irgendwas, vielleicht nur bei einer Hinterzimmerversammlung eines Ortsvereins, aber es gerät an die Öffentlichkeit. Darauf meldet sich Politiker B zu Wort. Er sagt, was A gesagt habe, sei unerträglich und A daher als Person ebenfalls untragbar. Am nächsten Tag legt Politiker C nach und sagt, was A gesagt habe, sei ein beispielloser Zynismus gewesen, die einzige mögliche Konsequenz sei ein Rücktritt. Nun springt Politiker D seinem Kollegen A zur Seite und sagt, B und C würden ein sensibles Thema zu Wahlkampfzwecken mißbrauchen. Worauf sich der Bundespräsident einmischt und sagt, die Diskussion habe einen Verlauf genommen, mit dem niemand glücklich sein könne, der ein Interesse an einer sachlichen Auseinandersetzung habe. Politiker D meint darauf, der Bundespräsident solle sich mit solchen Bewertungen lieber zurückhalten. Sonst beschädige er sein Amt. Die Bundeskanzlerin weist nun Politiker D darauf hin, daß es kein guter Stil sei, den Bundespräsidenten zu maßregeln. So geht das eine gute Weile hin und her, und Zeitungen sämtlicher Güte drucken den sinnlosen Staatsklatsch wie einen Fortsetzungsroman. Nach einer Woche bricht der Roman jedoch abrupt ab, aber nicht, weil die Akteure sich allmählich lächerlich vorkommen – nein, nein, die Debatte endet, weil irgend ein anderer an anderer Stelle etwas anderes gesagt hat, was ebenfalls als ungeheuerliche Entgleisung empfunden wird, so daß das gleiche Ritual mit verändertem Personal sich von vorn abspult, und sollte einmal eine Woche verstreichen, in der kein Politiker etwas «absolut Unerträgliches» sagt, wird sicher ein Bischof oder sonstwer einspringen. Welchem Zweck soll die von den Medien akribisch betriebene Dokumentation von buchstäblich jeder dieser reflexartig betriebenen, mittlerweile völlig automatisierten Etüden des Hin- und- Herkeifens bloß dienen? Es ist zu befürchten, daß es Leute gibt, die ein Desinteresse an diesem Gequassel mit Politikverdrossenheit verwechseln. Also werden wir wohl nie einen Politiker B erleben, der vor die Mikrophone tritt und spricht: «Kollege A hat zwar gerade etwas Übereifriges oder Blödes gesagt, das man nicht in Stein meißeln sollte, aber wen sollte das bekümmern, schließlich ist auch nicht alles, was ich so daherrede, durchweg erste Sahne.» Jeder sagt doch hin und wieder dies und das. Es war kurz nach der Eröffnung des neuen Berliner Hauptbahnhofes, als ich bei mir daheim eine Handvoll Persönlichkeiten des Berufs- und Straßenlebens mit gemischten Salznüssen verwöhnte. Durch das heimelige Knuspern in polemische Laune gebracht, äußerte ich die Auffassung, dieser Hauptbahnhof sei nichts als ein weiterer armseliger Glaskasten, ein mit vierzig Jahren Verspätung in die Tat umgesetzter Jacques-Tati-Alptraum, eine überdimensionierte Shopping-Mall, die auch in Cleveland/Ohio stehen könnte – die selbst in einem langen Architektenleben seltene Gelegenheit, für eine Millionenstadt einen repräsentativen neuen Bahnhof zu bauen, hätte Albert Speer sicherlich besser genutzt. Haben meine Gäste daraufhin entrüstet meine Wohnung verlassen und gesagt, sie würden erst wieder für weitere Gespräche zur Verfügung stehen, wenn ich mich bei Meinhard von Gerkan, dem Architekten des Berliner Hauptbahnhofes, entschuldigt hätte? Haben sie nicht. Sie widmeten sich unbekümmert meinem Nußsortiment und sagten: «Jaja, was du in gehobener Geselligkeitslaune eben immer für hübsche Dinge von dir gibst!» Es reizt mich allerdings, mir vorzustellen, ich wäre zu dieser Zeit Bundesirgendwasminister gewesen und hätte als solcher an der Bahnhofseröffnung teilnehmen müssen. Gequält von den beispiellos öden Reden, die sich Vertreter des öffentlichen Lebens bei Anlässen wie diesem anhören müssen, hätte ich vielleicht einem ntv-Reporter das ins Mikrophon gebellt, was ich bei meinem Salznußabend sagte. Am nächsten Tag wäre ein unvorteilhaftes Foto von mir auf der «Bild-Zeitung» erschienen, direkt neben einem Konterfei von Adolf Hitler. Im Fernsehen wären Parlamentarier zu sehen gewesen, die sagten, meine Äußerungen seien ein Faustschlag ins Gesicht von Millionen von NS-Opfern und ihrer Angehörigen. Ich solle mich sofort entschuldigen – bei Herrn von Gerkan, bei Charlotte Knobloch und am besten gleich noch bei sämtlichen Leuten, die im Adressbuch von Charlotte Knobloch stehen. An dieser Stelle hätte ich eventuell Unterstützung von einem umstrittenen Kunstprofessor bekommen, der mitteilte, in Künstler- und Intellektuellenkreisen in London oder New York, selbst in jüdischen, sei es schon lange kein gesellschaftlicher Selbstmord mehr, die Architektur des Dritten Reiches auch unter ästhetischen Gesichtspunkten zu betrachten. Diverse Popstars mit erweitertem Horizont hätten da Vorarbeit geleistet. Ein Professor, der solcherlei vorbrächte, würde natürlich ebenfalls für längere Zeit ein Dasein in der Sonderlingsecke fristen müssen, und man würde zu lesen bekommen, er habe mit seinen Äußerungen «für Empörung gesorgt». Man vergleiche die Formulierung «für Empörung sorgen» mit «für das leibliche Wohl sorgen» und «für Unterhaltung sorgen». Empörung scheint für manche Leute ein ähnliches Grundbedürfnis zu sein wie Essen, Trinken und unterhaltende Darbietungen. Andrew Hammel aus Texas spricht den Deutschen, den privaten Deutschen zumindest, keinesfalls Gelassenheit, Witz und Sinn für Ironie ab, stört sich aber an der Anlaßgebundenheit des hiesigen Humorgeschehens sowie an der ständigen Bereitschaft, öffentliche Empörung zu zeigen, wenn es um unsere zwei, drei nationalen Reizthemen geht. Er schlägt vor, den Karneval abzuschaffen und zum Ausgleich Witz und Unverbiestertheit gleichmäßig über das Jahr zu verteilen und auch an offziellen Stellen einzuführen. Würde er solche Vorschläge nicht in einem Blog machen, sondern in der Presse, hieße es natürlich ganz schnell: «Todesstrafen-Cowboy will uns den Karneval verbieten! Er soll sich sofort entschuldigen!»

Zwei Auszüge aus Max Goldt: „Ein Buch namens Zimbo. Sie werden kaum ertragen, was Ihnen mitgeteilt wird. Texte 2007–2008, einer von 2006, vier von 2009“

posted by Dieter Nagel  via dinapic.blogspot.com

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