Das Ende der Wanderprediger « Mediawatcher

22. April 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Das Sterben im Web 2.0 hat begonnen. Erst kürzlich hat AOL angekündigt, sein gescheitertes soziales Netzwerk Bebo nach nur zwei Jahren zu schließen. Einen anderen Ausweg gibt es nicht. Bereits vergangenes Jahr hatte die Internetfirma vergeblich versucht, das Web-2.0-Unternehmen zu verkaufen. Mit dem Scheitern von Bebo hat AOL die absurd hohe Summe von 850 Millionen Dollar versenkt. Bebo ist kein Einzelfall. Auch andere soziale Netzwerke wie beispielsweise Ning sind längst in Schieflage geraten. In der vergangenen Woche hatte das Unternehmen aus dem Silicon Valley die Hälfte der Mitarbeiter gefeuert und den Gratisdienst aus Kostengründen eingestellt. Bei Ning handelt es sich um eine Online-Plattform, mit der Nutzer ihr eigenes soziales Netzwerk kreieren können.

Die Wanderprediger, die von einem Internetkongress zum nächsten wallfahren, verkünden immer noch die frohe Botschaft des Web 2.0. Doch ihre Predigten werden jetzt zunehmend skeptisch aufgenommen. Unternehmen und Investoren machen die jüngsten Entwicklungen nachdenklich: Der Ausleseprozess unter den sozialen Netzwerken hat längst begonnen. Ähnlich wie beim Zusammenbruch der New Economy droht mitten in der globalen Rezession eine weitere Blase zu platzen: Soziale Netzwerke sind überschätzt. Medial spielen sie eine bescheidene Nebenrolle. Eine aktuelle Studie des gemeinnützigen Vereins D 21 fand heraus, dass sich lediglich zwölf Prozent aller Internetnutzer vor allem auf den Homepages des Web 2.0 bewegen.

Verbliebene Giganten der Marktbereinigung wie Facebook wachsen dennoch. Die Firma des 25-jährigen Mark Zuckerberg steuert weltweit auf mehr als 400 Millionen Nutzer zu. Das ist eine beeindruckende Zahl. Dennoch fehlt Facebook ein standfestes Geschäftsmodell. Künftig milliardenschwere Umsätze aus personalisierter Werbung zu ziehen ist ein brandgefährliches Spiel. Das geplante Vorhaben, die Nutzer per Klick ihre favorisierten Webseiten benoten zu lassen, ist Bauernfängerei. Mit diesem Schritt will das weltweit führende soziale Netzwerk nur Informationen generieren, um dem Facebook-Nutzer die auf ihn zugeschnittene Reklame frei Haus zu liefern. Im Werber-Deutsch heißt das “behavioral targeting”. Auch der Kurznachrichtendienst Twitter verfolgt dieses Geschäftsmodell, das kein Selbstläufer ist: Vorgestern meldete das Targeting-Unternehmen Wunderloop Insolvenz an.

Gerade die für die Werbewirtschaft interessanten wirtschaftlichen und sozialen Eliten werden immer misstrauischer, wenn es um die gewerbliche Nutzung ihrer Daten geht. Aus purer wirtschaftlicher Notwendigkeit versucht Facebook immer wieder, sich die Informationen seiner Mitglieder zunutze zu machen. Die Kritik der Community ist stets massiv. Vor drei Jahren musste Zuckerberg die Einführung des Werbenetzwerkes Beacon nach weltweiten Protesten wieder ad acta legen.

Die Konsumenten sind klüger, als manches Web-2.0-Unternehmen sich das vorstellt. Facebook unterschätzt noch immer die mittlerweile gewachsene Medienkompetenz der Nutzer. Beispielsweise hat das von den Grünen initiierte Protestbündnis gegen einen laxeren Umgang mit Daten durch Facebook in nur einer Woche mehr als 50 000 Unterstützer gewonnen. Verbraucherschützer bemängeln die unklaren Datenschutzbestimmungen bei sozialen Netzwerken. Immer öfter finden sie mit ihrer Kritik an der ungefragten Weitergabe persönlicher Daten an Dritte nun Gehör. Die Bundesregierung drängt auf einen schärferen Datenschutz. Die Sehnsucht nach informationeller Selbstverteidigung wächst. Facebook ist gerade dabei, sich die Sympathie von Millionen von Mitgliedern zu verscherzen.

Die Faszination der Eliten für die sozialen Netzwerke droht ohnehin eher zu erlahmen als zu wachsen: Die Kommunikation über Facebook, Twitter & Co. ist meist irrelevant, viele Dialoge sind geboren aus Langeweile. Sie zu lesen ist meist reine Zeitverschwendung. Die aufgelisteten “Freunde” sind keine wirklichen Freunde, der Nutzwert von Mitgliedschaften in Netzwerken wie Xing oder Linkedin ist mehr als zweifelhaft. Karrieren werden auch im 21. Jahrhundert nicht im virtuellen Netz, sondern über fachliche Leistungen und menschliche Beziehungen geschmiedet.

Der Hype um soziale Netzwerke erinnert an die virtuelle Welt von “Second Life”. Vor ein paar Jahren galt es als lebensnotwendig, als Avatar durch computeranimierte Welten zu irren. Markenartiklern, die nicht in Second Life die Reklametrommel rührten, wurde von den Web-2.0-Apologeten der sichere Tod vorausgesagt. Heute wissen wir: Second Life ist tot, die wirkliche Welt aber quicklebendig.

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