In meiner Welt bin ich der Star

8. Mai 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

 
Die Probleme begannen vor etwa zehn zwanzig Jahren. 1990 hatte George Michael das Video „Freedom ‘90“ produziert, in dem nicht er selbst, sondern Supermodels wie Linda Evangelista, Christy Turlington und Tatjana Patitz an seiner statt als Popstars agierten und im Glanz des an ihrer Haut herabperlenden Schweißes die Lippen zu Michaels Stimme bewegten, immer aufs Neue die Zeile wiederholend. „All you have to do now / Is take these lies and make them true somehow“.

„Freedom ‘90“ repräsentierte im Lande Pop das ewige Glücksversprechen der Mode, das auf der Lüge beruht, mit dem stilistischen Transfer von Haute Couture in Massenproduktion den Identitätsbaukasten des einzelnen Konsumenten so auszustatten, dass durch die Kleidungswahl so etwas wie individuelle Freiheit möglich sei. Linda und ihre Schwestern wollten deine Freundinnen sein und waren immer zur Stelle, wenn du mal wieder keinen Rat wusstest vor der Kleiderstange, bei Zara oder Kookai oder Miss Sixty.

Liam und Patsy tun es

Gleichzeitig markierte „Freedom ‘90“ einen Wendepunkt in der wachsenden Konvergenz zwischen den Pop-Segmenten von Mode, Kunst und Musik. Am Horizont der Neunziger zeichnete sich immer deutlicher der Bankrott der Celebrity-Kultur ab, wie sie im Jahrzehnt zuvor die Supermodels inszeniert hatten: Am Ende war der Superstarstatus kein Privileg mehr, sondern allenfalls harte Casting-Arbeit; der Rest ergab sich, dank immer ausgefeilterer Marktforschung, meist von alleine.

Aus den verschiedensten Feldern der Ikonenproduktion drängten Gernegroße mit Macht ans Licht und erzeugten Titelstories in der tabloid press – insbesondere in Großbritannien, wo die Young British Artists mit eher magerem Themenrepertoire und freundlicher Unterstützung des Werbemoguls Charles Saatchi dem schnellen Ruhm entgegenwuchsen und es genauso in die Lifestyle-Magazine schafften wie die Britpop-Stars, solange sie nur irgendwie britisch aussahen: 1997 zierte Liam Gallagher mit Patsy Kensit, zugedeckt von der Flagge des Union Jack, den Titel von Vanity Fair, und Naomi Campbell zeigte auf dem Laufsteg eine Union-Jack-Kreation von Alexander McQueen.
Da die Mode auf keine eigene theoretische Tradition verweisen kann, konnte ihr die Konvergenz mit Popmusik und Kunst im Zeichen der Kulturalisiemng ihres Images nur zugute kommen. Heute läuft sie diesen Zeiten hinterher: Die Supermodels sind gealtert, neue kaum in Sicht; ein umfassender Generationswechsel in allen großen Häusern steht kurz bevor, den bislang nur Yves Saint Laurent vollzogen hat; nicht zuletzt aber zeichnet sich die Bilderfabrik der Popmusik heute mehr denn je durch eine Ambiguität aus, die der trotz aller Koketterie mit androgynem Lifestyle auf klare visuelle Codes geeichten Mode schlicht abgeht.

Lizbeth Hurley

Hier kommt Mario Testino ins Spiel. Es mag Zufall sein oder nicht, dass auch der peruanische Fotograf ausgerechnet anfangs der Neunziger damit begann, die Lobbies der Modemagazine zu belagern, also in einer Zeit, als der Schwanengesang der Supermodels schon hörbar war und das Bedürfnis der Modebranche nach Schönheit, Aura, Mythos stetig wuchs – kein Zufall ist es jedenfalls, dass Testinos Bilder, die auch dann überlebensgroß erscheinen, wenn sie ins Format von Vogue, Harper’s Bazaar, Vanity Fair, Glamour oder The Face passen, einen derartigen Erfolg verzeichnen konnten.
Kaum erstaunlich, dass Testinos Fotografien mittlerweile sogar in der National Portrait Gallery in London gezeigt werden. Aus drei Gründen: Zum einen helfen die bezaubernd schönen Foto-Porträts von Hollywoodstars wie Meg Ryan, Catherine Zeta-Jones, Gwyneth Paltrow, Liz Hurley oder Cameron Diaz einer etwas verstaubten Institution wieder auf die Beine – der Untermieter der National Gallery am Trafalgar Square zeigt sonst vorwiegend geschönte Antlitze Halbprominenter. Noch lebt die Event-Kultur, und dieses Mal stahl Museums-Chef Charles Saumarez Smith der Tate Modern, der Tate Britain und seinem Mutterhaus mit Sponsoren wie Vogue, Burberry oder Dom Perignon und einer Party, auf der auch Madonna, Kate Moss und Miss Paltrow auftauchten, die Show.

Diva, Schlampe, prima Kumpel

Zweitens bearbeitet Testino wie kein anderer die Schnittstelle zwischen Hochkultur und Celeb-Kult, etwa mit seinen berühmten Fotos von Lady Di, die im Juliheft von Vanity Fair 1997, kurz vor ihrem Tod, veröffentlicht wurden: Testino holt die Prinzessin vom Podest und zeigt sie als gutgelauntes, jugendliches Model. Vice versa bedient er die Sucht nach Noblesse im profanen Celebrities-Markt und stilisiert Gwyneth Paltrow á la Cecil Beaton in gleichsam überirdischem Licht zur neuen Grace Kelly. Als Star-Vehikel wollen Testinos Fotografien überwältigen, nicht überzeugen; er schafft es, sogar ein Bettlaken wie kostbare Seide zu drapieren. Die Stars lieben ihn dafür: Madonna festigte seinen Ruhm, indem sie darauf bestand, für das Cover von „Ray of Light“ von niemand anderem als Testino abgelichtet zu werden.
Drittens, und das ist vielleicht die Hauptsache, verschafft Testino der zwischen Rezession und Supermodel-Not gespaltenen Modebranche neue Glaubwürdigkeit. Sein Lieblingsmodel Kate Moss ist die ideale Projektionsfläche für solche Zuschreibungen: Sie macht als Diva, Schlampe, prima Kumpel, verträumter Hippie á la David Hamilton, Anorexie-Anmutung oder Edel-Punk gleichermaßen eine brillante Figur. Ist es Zufall, dass Moss parallel zu ihrem Bigger-than-Life-Auftritt in der National Portrait Gallery im neuen Face für „Streetstyle“ als der neuen Jugendgeneralkultur wirbt? So holt man die Konsumenten dort ab, wo sie stehen und nicht mehr weiter wissen.

— Holger Liebs

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