Mal ehrlich: Wie schwul ist „Sex and the City?“ « WELT ONLINE

28. Mai 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Eine Deutung mit Sigmund Freud von Stephan Wackwitz

Ein beliebtes Gesellschaftsspiel in New York dreht sich seit 1998 um die Frage: Ist „Sex and the City“ schwul? Die nymphomane Samantha, hieß es etwa, verhalte sich wie ein schwuler Mann. Tatsächlich ist die Unschärfe der Weiblich-männlich-Differenz in der Serie fast mit Händen zu greifen.

Schwule (und vor allem: schwuchtelige Männer) sind als Trabanten der Quartetts allgegenwärtig. Stanford und Anthony, die engsten Vertrauten der Vier, tauchen öfter auf dem Bildschirm auf als die von den Frauen angeblich begehrten, dabei aber erstaunlich blassen Freunde und Ehemänner.

Nun sind fast alle Erfolgsformate der Populärkultur – auf den zweiten oder zumindest auf den dritten Blick – um ein schmutziges kleines Geheimnis herumgebaut. So folgen die schwulen Schöpfer von „Sex and the City“, Michael Patrick King und Darren Star, dem Prinzip „write gay, cast straight“, schreibe schwul und besetze heterosexuell. In dieser Lesart bildet die Serie ein weiteres Paradebeispiel für die Verwischung von Geschlechtergrenzen.

Es handelt sich bei Carrie, Charlotte, Samantha und Miranda nicht um als Frauen verkleidete Männer, sondern um etwas weitaus Komplizierteres – nämlich um als erwachsene Frauen kostümierte kleine Mädchen, die gerade in ihrer phallischen Phase stecken.

Carrie ist der klassische Tomboy, ein burschikoses Mädchen. Die Besetzung der Rolle durch Sarah Jessica Parker, deren Gesicht und Körper bei allem femininen Glamour mehr als einen männlichen Zug aufweist, war Darren Stars entscheidender Schachzug. Charlotte ist die Einzige, die eine klassisch-weibliche Heterosexualität ausbildet, einen Kinderwunsch hegt und ihm nachgibt. Sie ist nicht zufällig die einzige, klassisch-konventionell schöne Frau des Kreises. Dafür muss sie sich allerdings mit der Rolle des Dummchens zufriedengeben.

Vielleicht ist „Sex and the City“ nur die popkulturelle Verarbeitungsform der Risiken, Stressfaktoren und Ängste, welche die Emanzipation den Mittelschichtsfrauen neben allen Startvorteilen eben auch beschert hat. Man muss den schwulen Schöpfern zugutehalten, dass sie an diese Verarbeitung unterhaltsam herangehen. Sexy, humorvoll, markenbewusst, selbstironisch und – wenn man Manolo Blahniks für die Gipfelleistung weiblichen Stils hält – auch stilvoll.

Der zweite Kinofilm zur Serie lässt die Protagonistinnen endgültig ins fünfte Lebensjahrzehnt einrücken (Samantha ist über fünfzig). Wenn mit Mitte vierzig so etwas wie Weisheit noch nicht an die Türen des Bewusstseins pocht, wird das Blitzmädel zur Kneifzange. Vielleicht hatte Freud doch recht, und die Unfähigkeit, die phallische Phase zu überwinden, ist die Klippe, an der das Triebschicksal verunglücken kann.

Advertisements

Tagged:,

Antwort hinterlassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Was ist das?

Du liest momentan Mal ehrlich: Wie schwul ist „Sex and the City?“ « WELT ONLINE auf Medienzeiger.

Meta

%d Bloggern gefällt das: