Verdummung nicht immer nur ein Kollateralschaden des kommerziellen Kalküls « Telepolis

1. Juli 2010 § Hinterlasse einen Kommentar

Tom Schimmeck ist einer der letzten Mohikaner des investigativen Journalismus in Deutschland. Er hat 1979 die taz mitbegründet, war SPIEGEL-Redakteur und Reporter u.a. bei KONKRET, Tempo und Woche. Er schreibt momentan für die Süddeutsche Zeitung, profil und die ZEIT und produziert zahlreiche Hörfunkbeiträge. Während seiner Laufbahn wurde er mit zahlreichen angesehenen Journalistenpreisen bedacht. In seiner neuesten Publikation „Am besten nichts Neues“ wirft er einen konzentrierten Blick hinter die Kulissen der Meinungsindustrie und legt mit spitzer Feder eine furiose wie brillante Abrechnung mit dem Medienbusiness vor.
Telepolis sprach mit dem Journalisten über die Wandlung des Journalismus zu Dienstleistungs-Schreibe und Meinungsmache.

Auf die Frage nach dem Zeitpunkt, wann sich die Boulevardisierung der Presse auf breiter Ebene durchsetze, meint Tom Schimmeck:
Mal eine ganz steile These: Das hat in Deutschland mit dem Mauerfall zu tun. Dieser wunderbare historische Augenblick war halt auch eine verpasste Chance. Weil ab dem Moment jede Systemkritik ad acta gelegt schien, nicht mehr darüber diskutiert wurde, wie eine Gesellschaft aussehen sollte, in der möglichst alle Teilhabe an Wohlstand und Glück haben. Schon unter Kohl hatte sich Politik immer weiter entleert. Dann fiel sie dem Pragmatismus anheim. Die Schröder-Ära  war in da absolut stilprägend. Es gibt gar keinen Ausweg, war bald das Credo, wir folgen dem Diktat der Märkte, der Industrie, der Unternehmensberater, der Wirtschaftsprofessoren. Der politische Gestaltungswille verschwand hinter dieser vermeintlichen Alternativlosigkeit, und mit ihm die Sprache für die gesellschaftliche Debatte. Seither gibt es nur noch Sachzwänge.
Diese Entleerung wiederum schafft unheimlich viel Raum, den die Blätter, die Medien überhaupt, mit anderen Themen füllen müssen. Zum Beispiel mit dem ganzen Balla-Balla-Kram, der uns täglich um die Rübe gehauen wird. Es gibt einen zweiten wichtigen Faktor, der ungefähr seit zehn Jahren eine wichtige Rolle spielt: Bespaßungs-Journalismus ist einfach billiger. Sie können mit diesen Prominenten-Schwadronen Medien quasi kostenneutral füllen. Es gibt ja ganze Verlagshäuser und Sender, die nichts anderes tun – und auch weniger über die Krise zu klagen scheinen. Der Bauer-Verlag zum Beispiel, in dem seit seiner Gründung Mitte des 19. Jahrhunderts noch nie ein aufklärerischer Satz erschienen ist. Solche Medienfirmen leben mit immer neuen Postillen und Formaten von der Alt-Prominenz – Adel ecetera – und der Neu-Prominenz, diesen Glamour-, Talk- und Reality-TV-Gestalten, die sie einfach immer wieder recyceln.
„Wir haben zu viele BWLer und Marketing-Leute“
Das Interview auf Telepolis – hier zum Teil 2
Um einmal zurück zu gucken: Wir haben in den letzten 20 Jahren enorm an Potential gewonnen. Zumindest theoretisch sind wir der Aufklärung jetzt näher denn je. Das Problem ist nur, dass dieses tolle Internet die Ökonomie der bisherigen Medien – die der guten leider mehr als die der schlechten – derzeit über den Haufen schmeißt. Da müssen wir neue Wege finden, um Aufklärung zu organisieren, ein neues Fundament schaffen für Medien, die gute Ressourcen und den freien Willen haben, gesellschaftliche Prozesse zu begleiten und einen Standpunkt einzunehmen. Wenn das gelingt – und es muss gelingen, weil sonst Demokratie nicht funktioniert – haben Medien eine große Zukunft. Und auch Journalisten. Denn mit der sagenhaften Fülle verfügbarer Information wird das Sichten, Sortieren und Bewerten wichtiger denn je.
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