Facebook braucht dich – für immer

30. September 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Als Mark Zuckerberg auf der Facebook-Entwickler-Konferenz die neue Oberfläche mit Timeline und Open Graph vorstellte, sahen viele Datenschützer ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Wenn es nach Zuckerberg geht, sollen seine 800 Millionen Nutzer nicht nur ihre Vorlieben und Nichtigkeiten speichern, sondern jetzt dazu noch ihre komplette Lebensgeschichte zur Verfügung stellen – möglichst mitsamt allen Bildern. 
Timeline preist der Facebook-Gründer als Ausdrucksmittel an: „Sie enthält alle deine Geschichten, alle deine Apps und stellt eine neue Möglichkeit dar, um auszudrücken, wer du bist“. Dieses Angebot zur Selbstdarstellung kann für den Nutzer jedoch in echte Arbeit ausarten. Schließlich muss er jetzt überlegen, wen er diese Fotos und Informationen jeweils zur Verfügung stellen will. Nicht nur das Facebook von jeher interessant für die GEZ ist, auch für Strafverfolgungsbehörden, Einbrecher und Steuerfahndung ist Facebook mittlerweile ein Standardwerkzeug zur personenbezogenen Informationsbeschaffung. 

Ein weiteres neues Feature stellt Open Graph dar, das dem Nutzer dazu vieles erleichtert. Jedes gehörte Musik- oder Videostück, jeder Kneipen- oder Nagelstudiobesuch soll ohne Zutun des Nutzers auf Facebook übertragen werden. 
Das klingt nach einer Wiederauferstehung seines Dienstes Beacon, den er 2007 einführte. Mit diesem wurde automatisch den „Freunden“ angezeigt, was der Nutzer online auf einer der 60 Partnerseiten von Facebook eingekauft hatte. Nach heftigen Protesten und einer Klage wurden Beacon zwar wieder eingestellt, doch Zuckerberg bleibt natürlich bei seiner grundlegenden Geschäftsidee, vollkommene Profile seiner Kunden zu schaffen, die jeden Big Brother vor Neid erblassen lassen. 

„Facebook hat mehr Daten, als die Stasi je hatte!“

Der Wiener Jurastudent Max Schrems ist Mitglied bei Facebook und hat mittlerweile den Verein „Europe vs. Facebook“ gegründet. Als er sein verbürgtes Recht einforderte, seine Facebook-Daten einzusehen, benötigte es einiger juristischer Kniffe, bis seinem Antrag nachgekommen wurde. Es sei „überproportional schwierig“ diese darzustellen, begründete der Konzern zunächst seine plötzlich sperrige Grandezza. Erst nachdem er sich an die irischen Behörden wandte – aus Steuergründen hat Facebook hier seine europäische Zentrale – erhielt er ein Paket mit 1.200 DIN-A4-Seiten, auf denen er alles fand, was er jemals mittels Facebook kommunizierte. Fotos, Mitteilungen, Freundschaftsanfragen, Markierungen und Chatprotokolle, aus denen darüber hinaus sexuelle Interessen, politische Ansichten und Urlaubsreisen erschließbar sind. Laut Schrems ist das aber immer noch nicht alles, über 20 Kategorien fehlen noch. Schrems löschte schon „was man irgendwie löschen kann“, doch verfügt Facebook immer noch über seine Daten, was dem versierten Netizen aber schon bekannt ist. Facebook unterdrückt die „gelöschten“ Daten nur – bekannterweise sind die Geldgeber, mit denen sich Zuckerberg seine Millionen erwarb, nicht die Nutzer, sondern die Werbeindustrie. 
Wegen des Verstoßes gegen europäisches Recht hat Schrems im August nun Anzeige erstattet. „Die Bußgelder für Vergehen gegen den Datenschutz sind außerdem minimal – da wägen Unternehmen ab, ob es sich lohnt, sich an die Regeln zu halten oder ob es billiger ist, dagegen zu verstoßen.“ Er war aber auch überrascht, als der irische Datenschutzbeauftragte jetzt ankündigte, die Facebook-Niederlassung in Dublin einer harten Betriebsprüfung zu unterziehen.  

Zuckerbergs Neugestaltung seines Social Networks ist auch eine Reaktion auf Google+, das zwar noch nicht so viele Nutzer wie Facebook hat, sich aber mit seiner Dynamik zu einem ernsthaften Konkurrenten entwickelt. Von dessen Circles ließ er sich zu der Idee inspirieren, nicht mehr Allen Alles mitzuteilen, sondern verschieden Freundeskreisen unterschiedlich gewichtete Nachrichtenkanäle aus dem Privatkosmos zukommen zu lassen. Schließlich darf es den Chef interessieren, was da während der Arbeitszeit mitgeteilt wird – man mag ihn aber vielleicht doch nicht unbedingt Sonntagabend in der Disko begegnen.
Auch versucht Zuckerberg dadurch eine geschlossene Welt zu schaffen, die niemand mehr verlassen muss. Die selbstständie Beschaffung von Informationen wird obsolet – man verlässt sich nur noch auf Empfehlungen von „Freunden und Bekannten“. Der damit verbundene Verlust von Medienkompetenz und die Geschmacksbildung à la Oliver Geissen mag jeden denkenden Kopf graue Haare bescheren. 
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